Größtes rhythmisches Talent



Begnadeter Musiker und tragische Figur

Größtes rhythmisches Talent das deutscher Jazz je hatte.





Quelle: Westricher Rundschau vom 05. Mai 2001 (Klaudia Gilcher)

"Das größte rhythmische Talent, das der deutsche Jazz je besessen hat."
Kein Geringerer als Albert Mangelsdorff hat diese Einschätzung in den 60er Jahren im Interview mit Joachim Ernst Behrendt geäußert.
Gemeint war Hartwig Bartz.
Jener Hartwig Bartz, der als "de Hartwich" in den letzten Jahren zum Stadtbild von Kusel gehörte.
Nie ohne Kopfbedeckung irgendwo auf Treppen oder Bänken saß und Selbstgespräche führte.
Psychisch krank, wurde er oft anzüglich gegenüber Passanten, fiel vielen lästig.
Die Schüler der Realschule erfanden ihre eigenen Spitznamen für den komischen Kauz, den keiner so recht ernst nahm.
Nur wer ihn näher kannte, erlebte in dem zerbrechlich wirkenden Mann immer noch den sensiblen Künstler, der einen riesigen Erinnerungsschatz an die wilden Jahre des deutschen Jazz mit sich trug.



Quelle: Westricher Rundschau vom 05. Mai 2001 (Klaudia Gilcher)

Ende der 50er und Anfang der 6oer Jahre galt Hartwig als der modernste Schlagzeuger des deutschen Jazz.
Wer Bebop und Hardbop spielen wollte, brauchte einen Schlagzeuger seines Kalibers.
Sein kraftvolles, energiegeladenes Spiel, das die Bands vorantrieb und gleichzeitig in Dialoge mit den Solisten eintrat, war Lichtjahre entfernt von den Rhythmus-Vorstellungen der gediegenen Swing-Ära, die Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt beherrschte.
Das Schlagzeug sollte nicht mehr bloß den Takt halten, sondern schaltete sich in den Melodiefluss der Stücke ein. Rhythmus und Improvisation standen im Vordergrund.
Hartwig Bartz war der deutsche Pionier dieser Spielweise. Keiner ließ die zwei bis drei Becken und die Hi-Hat tanzen wie er.
Sein Stil und sein Auftreten begeisterte oder schockierte je nach Vorliebe - unbeeindruckt blieb die Jazzgemeinde nie.
Hartwig, der mit 14 bei den Hutmachern spielte und mit 15 Jahren das erste Engagement in Baumholder erhielt, genoss nur wenig musiktheoretischen Unterricht.
Als einziger Sohn der Musikerfamilie Bartz 1936 in Rammelsbach geboren, zeigte sich sein Talent früh.
"Mit Stöcken hat er auf Schachteln getrommelt", erinnert sich die Schwester. Sie versuchte, ihn auf eine Musikausbildung im klassischen Sinn zu führen, aber Hartwig ließ sich nicht bändigen.
Was vermutlich ein Glücksfall war, wurde die Kreativität, die seine unbefangenen Soli später kennzeichnete, so nicht in feste Bahnen gelenkt.
Während der Schulzeit versuchte sich Bartz auch an Flügelhorn und Posaune, blieb aber, wie er selbst sagte. "ein mittelmäßiger Posaunist".
Den Jazz brachten die Gl's zu Hartwig Bartz.
Er ließ schon einmal ein paar Platten mitgehen, wenn die Karossen unbeobachtet waren und verfolgte später die aufregende Entwicklung des Jazz in den regionalen Militärclubs, in denen er in den ersten Berufsjahren spielte.
Die Bands spielten die Standards der damaligen Tanzmusik und Wunschkonzerte für die Soldaten,
aber zwischendrin habe er den heißen Jazz geübt, erzählte Bartz später.
Nach Gehör eiferte er den US-Größen nach.
Philly Joe Jones und der legendäre Kenny Clarke wurden die ersten Vorbilder!

"Heißeste Rhythmusgruppe"

1957 schloss sich Hartwig Bartz der Band von Franz Hakkert an. Vier Monate spielte die Truppe in der US-Basis
Sidi Slimane in Marokko.
Bartz, der später auch noch in Libyen gastiertere, war fasziniert von der arabischen Kultur und ihrer Musik.
Wieder spielte er vor allem die Standards der Tanzmusik, aber während der Stopps auf dem Weg nach Afrika, in Paris und Madrid gab's puren Jazz.
Nach Marokko ging es steil bergauf.
Hartwig ßartz spielte bundesweit in den Jazzkellern, die Szene merkte auf. Auch Albert Mangelsdorff.
Bartz wurde unter der Leitung von Mangelsdorff Mitglied des Jazzensembles des Hessischen Rundfunks.
Er am Schlagzeug und Peter Trunk am Bass bildeten die "heißeste Rhythmusgruppe, die man damals in Europa
kriegen konnte", so Albert Mangelsdorff im Gespräch mit seinem Biographen Bruno Paulot.
Ein Karriere-Höhepunkt folgte dem nächsten. Hartwig ßartz, gerade 25 Jahre alt, errang auf dem Ersten Internationalen Jazzfestival in Juan-LesPins in Südfrankreich, zu dem Gruppen aus ganz Europa eingeladen waren, den Titel des besten Festival-Schlagzeugers.
Kaum bekannt geworden, landete er schon auf Platz zwei der deutschen Jazz-Poll, einer jährlichen Kritikerumfrage, die die besten Jazzmusiker ermitteln sollte. Danach gewann er regelmäßig, auch, als er
gesundheitlich schon nicht mehr auf der Höhe war.
Bis zur Mitte der 6oer Jahre spielte Bartz unermüdlich, ja rastlos.
In Frankfurt, München, Berlin, Hamburg,.......................